… ist Schuld!

8. September 2011, 12:18 Uhr,

Von Vorurteilen und zu leichten Antworten. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung!


… ist Schuld!

Heute möchte ich nach langem Überlegen meine Meinung zu einem heißen Thema kundtun.

Worum es geht?

Um Schuld.

Um die Suche danach.

Um den leichten Weg, die Ausrede, die Polemik, das Fingerzeigen auf vermeintliche Ursachen.

Wann? Immer. Leider.

Es hat Tradition, die Ursachen von schlechtem Benehmen, von Vorfällen, von Skandalen, von Katastrophen, von was auch immer, beim aktuellen „Lieblings“-Außenseiter, neuen Dingen, unbekannten oder (noch) nicht richtig verstandenen Techniken und neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften zu suchen.

Nachdenken, tiefer in die Materie gehen, echte Ursachen erforschen, ach was! Eine schnelle, massentaugliche, am besten noch reißerische Lösung muss her!

Geschichtlich finden wir dafür „gute“ Beispiele:

Ungeliebte, andersgläubige, konkurrierende, zu reiche usw. Völker und Volksstämme durften stets als Schuldige herhalten. Man denke an die Verfolgungen der ersten Christen, der Juden, Sorben, Sinti & Roma, Hexenverbrennungen etc. Schlechte Ernten, Diebstähle, Missbildungen? Die Hexe war’s, der Zigeuner, der Ausländer, der Fremde!

Genozide unglaublichen Ausmaßes fanden statt, eine blutige Sour zieht sich so durch die Jahrtausende. Erste Wissenschaftler stellten Ihre Entdeckungen, Ihre Erfindungen vor, und wurde dafür gehasst, verdammt, gejagt. Veränderungen waren nicht erwünscht, traten diese dennoch ein, dann waren DIE an allen negativen Begleiterscheinungen schuld!

Bibel übersetzen, Buchdruck, Erde umsegeln, Elektrizität, Eisenbahn, Telefon, Radio? Welch wirre Ideen, die doch Niemand braucht! Damals verdammt, heute nicht anders vorstellbar.
Der Mensch entdeckte das Feuer und fackelt(e) damit Häuser ab, setzt(e) Wälder in Brand. Ist Feuer deswegen „böse“? Nein, denn es wärmte, es erhellte die dunklen Stunden, es erlaubte Kochen, Braten, neue Handwerke.

Pfeil&Bogen und Armbrüste werden entwickelt und (Überraschung?) Menschen damit umgebracht, Töten aus der Ferne möglich. Sind Pfeil und Bogen daran Schuld, ist diese Erfindung Teufelswerk? 1139 war man dieser Meinung und in Europa wurden diese Waffen geächtet. Zu unritterlich hieß es, aber natürlich galt bei Nichtchristen diese Regelung nicht. Hauptsache weg mit den Andersgläubigen. Und dennoch, nutze man nicht die Waffe auch zum Jagen, zum Sport, um das Überleben zu sichern, so wie auch jetzt es noch Indianervölker im Amazonasgebiet es tun? Teufelswerk?

Das Automobil erblickt das Licht der Welt. Und die Welt? Sie schimpft.

Autos sind laut, nutzlos, zu langsam, hässlich und werden niemals die Kutsche und das Pferd ersetzen. Ach ja?

Weltweit sterben jedes Jahr rund 1 Million Menschen im Straßenverkehr. Unsere Atmosphäre wird verunreinigt, fossile Brennstoffe ohne Rücksicht ausgebeutet, blühende Landschaften von Autobahnen durchschnitten. Ist das Auto Schuld? Dessen Erfinder? Wie leicht ist es doch zu sagen: Autos sind Schuld an der Umweltverschmutzung. Keine Politik, kein Konzern, kein Streben nach Umsatz, nach Geld, auf keinen Fall man selbst als Nutzer, sondern ein Ding. Aha.

Gern wird auch vergessen, was die Mobilisierung der Bevölkerung, was Schnellstraßennetze, was Individual-, öffentlicher Nah- und Lieferverkehr für eine Bedeutung haben.

Atomkraft wird nutzbar. Was tut der Mensch? Er nutzt sofort die zerstörerische Macht und löscht gottgleich ganze Städte aus. Atomwaffentests haben überall auf der Welt ihre Spuren hinterlassen, Sibirien, Nevada, Pazifik, Indien…Atomwaffen stellten über Jahrzehnte des kalten Krieges das ultimative Abschreckungsmittel dar. Ist die Kraft des Atom also etwas Schlechtes?

Ist die Entdeckung der Nutzbarmachung schuld an den Millionen Toten, an Missbildungen, an verstrahlten Zonen, an ungeklärten Endlagerstätten, verseuchtem Boden, an Energiekrisen?

Oder ist es der Umgang damit? Sind die Betreiber Schuld, die Militärs, DIE eben? Oder tragen wir nicht selbst alle zum richtigen oder falschen Umgang bei?

Aber, aber kann man sagen, heutzutage sind wir doch aufgeklärt, unsere Zivilisation hat sich entwickelt, wir sind gebildet, bessere Menschen. Ist das so?

Skandale, Umweltsünden, Kriege, Katastrophen gibt es auch heute, tausendfach. Jeden Tag hören wir, lesen wir davon, sehen Live-Bilder. Verändert dies unsere Meinung, unsere Einstellung?

Oder denken wir – so gut informiert, so breit versorgt mit News, so modern und hochgebildet -  weiterhin:  

DIE sind Schuld!?

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Wer erinnert sich nicht an Erfurt, an Winnenden, an Utøya? Irre Menschen begehen Massenmorde. Was tituliert die Presse? Killerspiele sind Schuld! Die Moslems waren es! Die rechte Szene hat zugeschlagen! Nicht zu vergessen, Facebook ist Schuld! Ach ja, und die Waffenindustrie!

Polemik soweit das Auge blickt. Wie Geier stürzen sich manche Journalisten auf das Ereignis und sind sich nicht zu Schade, unrecherchiert, unreflektiert und unverschämt, die erstbeste Lösung zu präsentieren. Schuldige gesucht? Bitte sehr!

Priester vergehen sich an Minderjährigen, und das nicht als Einzelfall. Kinder werden entführt, missbraucht, getötet. Schuld hat das Zölibat, die schlechte Kindheit, der falsche Umgang.

Voila! Schuldfrage gelöst. Warum suchen, wenn es doch so einfach sein kann, so leicht  auch von der Masse angenommen wird. Der Durchschnittsbürger fühlt sich bestätigt, brummt sein: „ Das habe ich schon immer gesagt!“ in den Bart und wendet sich der nächsten Meldung zu.

Vorurteilsbehaftet erwischt man sich selbst viel zu häufig dabei, bei anderen Dingen ebenfalls nach “Schema F” zu handeln, zu bewerten. Man hat es so erlebt, sich „antrainiert“, folgt nur zu gern den Meinungen der Boulevardpresse oder vermeintlicher Experten.

Macht man es sich zu leicht, denkt man zu wenig nach, bewertet man zu schnell?

Oft reicht ein Blick, ein halbgehörter Satz, und eine Person, eine Meldung, ein Produkt, ein was auch immer, ist abgestempelt, klassifiziert, erfasst, abgelegt. Die nächste Begegnung damit erfolgt unweigerlich vorbelastet.

Beruflich und privat betrifft mich dies zum Beispiel im Bereich der neuen Medien, des Web 2.0, sozialer Netzwerke. Und klar, auch beim Thema facebook.

Aktuelle Aufreger und Facebook- „Verteufelungsgelegenheiten“  hatten wir schon genug in diesem Jahr:

  1. Terroristen rekrutieren Nachwuchs bei facebook 
  2. Facebook eine Datenkrake?
  3. Facebook-Fans stürmen Geburtstagsparty
  4. Sie wollen „Feiern, Flirten, Trinken“ – und den Rekord
  5. ULD-„Affäre“, mehr dazu hier und hier.

Beispiele dieser Art könnte ich hier noch etliche aufführen. Fast immer wird Facebook der Schwarze Peter zugeschoben. Facebook kontrolliere, manipuliere, bevormunde, verhalte sich gesetzeswidrig, und und und.

Ganz aus der Luft gegriffen sind diese Vorwürfe nicht. Aber als Nutzer liest und kennt man die Datenschutz- und sonstigen Regeln des Portales, und kann sich seinen Account so öffentlich oder geschlossen einrichten, wie man möchte.

Wie man die zur Verfügung stehenden Funktionalitäten nutzt, was man freigibt, wen einlädt, mit wem Nachrichten tauscht usw. liegt bei jedem User selbst.

Prinzipiell war dies nicht anders zu Zeiten des Telefons, des Briefverkehrs, den Anfängen der Internet-Kommunikation über Foren und E-Mails.

Mit dem Finger in Richtung Facebook zu zeigen, DIE sind Schuld zu sagen, ist falsch.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Kopf zum denken, kann und sollte für sich selbst einstehen, sich seine Meinung bilden, nicht bilden lassen. Web 2.0 und Social Media Networks bieten –endlich– so viele Möglichkeiten dazu. Nutzen wir sie, um Vorurteile zu entkräften, beide Seiten einer Medaille zu betrachten und hinter die Schlagzeile zu schauen.

Glauben Sie mir, es lohnt sich!

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Über den Autor

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Ich bin Familienvater, Social Media begeistert, Wahl-Leipziger und liebe meine Region. Hier wohne, arbeite und schreibe ich. Mich bewegt alles rund um die Bildung, denn das Leben ist ein andauernder Lernprozess. Ich möchte dem Leser kulturelle und sportliche Events nahe bringen, texte gern über Reisen und scheue auch keine kontroversen Themen. Bloggen ist beruflich und privat zu mehr als einem Hobby geworden und macht mir beim Schreiben, und so hoffe ich auch Ihnen beim Lesen, eine Menge Spaß.

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    Ein Thema über das sich viel zu wenig Menschen ernsthafte Gedanken machen, sie lassen sich lieber eine Vorgefertigte Meinung aufdrücken weil es so bequem ist, dann muss man nicht selber denken und eckt vor allem nicht an.
    Auch stellt sich neben der Schuldfrage immer die Frage nach einem Tatmotiv, aber spielt das denn für die Angehörigen wirklich eine Rolle die ihre Liebsten verloren haben???? Kein Motiv der Welt könnte eine Gräueltat rechtfertigen…
    Ein sehr guter Beitrag!!!

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    Ein großer Artikel, ein ganz großer!
    Schon allein der Begriff “Schuld” löst ein schlechtes Gefühl in der Magengegend aus und automatisch heben sich die Hände zur Abwehr. “Ich doch nicht” – eine automatische Schutzfunktion des Menschen. Und da ich für mich in Anspruch nehme auch ein Mensch zu sein, kann ich mich an dieser Stelle nicht ausschließen. Das ist gut so! Nein, ich meine, nicht das ich dazu neige die Schuld bei anderen zu suchen. Das liegt bei mir sicher daran, dass ich zu viel Fernsehen schaue, wenn im Bundestag die Verantwortung für große Fehlentscheidungen zugeordnet wird. Man sollte sich seine Vorbilder also immer sehr genau anschauen.
    Gut ist allein die gewonnene Erkenntnis, dass irgend etwas nicht so gelaufen ist, wie vorgesehen – wie gewollt. Gut deshalb, weil die Einsicht: “Hier gibt es ein Problem” der erste Schritt und die Basis für die Lösung des Problems ist. Das wusste der alte Carnegie schon und hat ausführlich darüber berichtet.
    Warum neigen wir alle so sehr dazu Schuld zuweisen zu wollen? Mit Schuldzuweisung setze ich Menschen unter Druck und bekanntlich – wenn mein Physikdozent recht hat – erzeugt jeder Druck einen Gegendruck. Nun kann man ja gegenseitig den Druck ständig erhöhen, praktisch auf eine Spirale setzen und warten bis eine Seite dem Druck nicht mehr Stand hält und sich selbst zerstört. So eine Art “Selbstreinigungseffekt”.
    Ich würde mal versuchen das Wort “Schuld” durch das Wort “Ursache” zu ersetzen, ich suche also keinen Schuldigen, ich suche jetzt eine Ursache. Wenn ich die gefunden habe und den Mut für eine Entscheidung, habe ich gute Chancen ein Problem bestmöglich zu lösen.
    Suche ich nur einen Schuldigen, habe ich auch gute Chancen. Diesmal ist die Chance, dass ich aus einem kleineren Problem ein größeres machen kann. Also aus einer Mücke einen Elefanten.

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